
Adam und Evas Sündenfall auf einem Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren.
Der paradiesische Garten in Eden enthält, wie es wörtlich heißt, allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen.
Wo diese Bäume stehen, wird nicht angegeben, mit einer Ausnahme. Nur der Baum der Erkenntnis steht zentral mitten im Garten. Just und ausschließlich auf die Frucht dieses Baumes bezieht sich das, was man als göttliches Verbot bezeichnet hat.
Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben. Zugegeben: Dieser Hinweis des Schöpfers gleicht auf den ersten Blick einem Verbot. Und da in der Regel Verstöße gegen Verbotenes mit Sanktionen belegt werden, sieht es in der Tat so aus, als seien Adam und Eva für das Erkennen des Guten und Bösen bestraft und aus dem Paradies vertrieben worden.
Der Erkenntnisakt gilt seitdem gleichsam als Synonym für Sündenfall und Treuebruch gegen Gott.
An Anhaltspunkten für diese schlichte Deutung scheint es also nicht zu mangeln. Recht besehen allerdings bleiben gewichtige Fragen offen.
Die Deutung schließt eine Inkonsequenz in der Durchführung göttlicher Absichten zumindest nicht aus; deshalb haftet ihr ein Anflug von Blasphemie an. Ist die Annahme statthaft, dass Gott sich über den Ausgang eines von ihm verhängten Verbotes nicht von vornherein im klaren war?
Soll man etwa unterstellen, dass der Herr der Schöpfung ein unerfahrener Menschenkenner oder ein inkompetenter Psychologe war? Gib einem Kind die schönsten Spielsachen; dazu noch irgendein bedeutungsloses, wert- und reizloses Etwas, was immer das sein mag. Nun fordere das Kind auf, mit jedem anderen Spielzug nach Belieben zu spielen, nur nicht mit diesem einen Ding.
Zweifelsohne erwecken Sie damit die natürliche Neugierde eines Kindes dermaßen, dass es mit Sicherheit alles andere liegen lassen wird, um das Geheimnis dieses sonderbaren Dinges zu enthüllen. Solche Handlung zeugt nicht bloß von Neugierde, sondern auch von Intelligenz.
Im Fall des Baumes der Erkenntnis handelt es sich zudem keineswegs um etwas Wert- oder Belangloses, sondern um eine zentrale Frucht des Garten Eden, mithin wenigstens symbolisch um die Mitte des Paradieses. Offensichtlich unterstellen also Deutungen, die Urkrise der Menschheit wörtlich nehmen und aus der Angelegenheit den Sündenfall konstruieren, ein vermenschlichtes Gottesbild. Plausibler erscheint die Deutung, dass Gott dem Menschen einen Hinweis geben wollte.
Es handelt sich übrigens um denselben Hinweis, den die Schlange mit anderen Worten und in verräterischer Absicht gibt: Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wisset, was gut und böse ist.
Vor dem Erkennen wussten Adam und Eva nichts; weder hatten sie ein Bewusstsein noch einen Sinn für dessen Entwicklung. Sie hatten auch kein Leben in unserem Sinn der Vergänglichkeit in der Zeit, deshalb konnten sie weder älter werden noch sterben, noch Erfahrungen machen und ihr Bewusstsein entwickeln. Ihr Bewusstsein kannte den Begriff Erfahrung nicht. Als Konstrukte oder Entitäten jenseits von Zeit und Entwicklung können wir sie uns im Grunde gar nicht vorstellen. Auch dass sie zwei sind, ist eine Abstraktion, denn die Zwei konnte im Zustand paradiesischer Einheit und Eintracht noch gar nicht entstanden sein.
Adam heißt Mensch im Sinne von Menschheit, und Eva ist ein Teil von ihm. Die Teilung der Eins kündigt sich als abstrakte Idee zwar an, ihr fehlt jedoch die Wirklichkeit, das Bewusstsein der Teilung. Darauf richtet sich ja der Hinweis Gottes, dass eben mit dem Wissen um die Teilung dieses sich erfüllen wird. Unwiederbringlich verloren geht die Einheit mit Gott in dem Augenblick, da das Bewusstsein sie als das Eine erkennt, das alles umfasst.
Da braucht Adam bloß eins und eins zusammenzuzählen. Vor dem Biss in den Apfel sind Adam und Eva nur die Idee der Zweiheit. Konkrete Gestalt als Mann und Frau nehmen sie erst mit dem Bewusstsein von Gut und Böse an. An Gut und Böse erfahren sie symbolisch die Idee der Zwei, nehmen die Polarität leiblich und geistig in sich auf.
Damit verwandelt sich ihr Seinzustand. Mit dem Erkennen springen sie in den Fluss der Zeit, der sie in Entwicklungen und Krisen mitreißt, in das ewige Stirb und Werde. Im Erkennen liegt die geistige Kraft, den Sinn seiner Gottähnlichkeit zu suchen und zu erfüllen. Das körperliche Erkennen hat symbolischen Sinn, weil die Erschaffung eines Menschen nur in Gottes Macht stand. Nun schafft es auch der Mensch kraft Erkennens. Zu erkennen und ein menschliches Geschöpf hervorzubringen vollzieht sich als ein und derselbe Akt. Nachdem die Einheit verloren und die Polarität Bewusstsein und Sinn entstanden ist, reiht sich nun Zahl an Zahl. Die Zersplitterung des Einen ins Unendliche beginnt. Es fragt sich nur, ob der Mensch auch geistig erkennt, was er körperlich vollbringt?
Gottes implizierter Auftrag lautet:
Wenn du wissen und schätzen willst, was die paradiesische Einheit wert ist, musst du wissend werden. Bist du aber wissend, verlierst du die Einheit mit mir, denn dann musst du des Todes sterben. Erkenntnistheoretisch gedeutet heißt es : Erlange einst die Einheit mit voll entwickeltem Bewusstsein, die du einst unwissend hattest und deshalb nicht zu würdigen imstande warst.
Quelle: Bijan Adl- Amini, Buch: INNERE HARMONIE